top of page
  • ReDefined Company LI
  • Sabrina Fretz LI
  • Markus Ammann LI
  • Sabrina Fretz IG
  • Markus Ammann IG

Aushalten als Substanz tragende Ressource

  • 11. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

Diese Woche, bei Coaching ReDefined


Es gibt eine Tugend, die sich in den letzten zehn Jahren leise aus dem Vokabular von Führung verabschiedet hat. Es gibt dafür keine App und keine Morgenroutine. Sie lässt sich dummerweise nichtmal als Programm verkaufen, weil die Wahrheit oft sehr unsexy ist.

Sie heisst “Aushalten” und ist die unscheinbarste der wirklich harten Disziplinen an der Spitze.


Was Aushalten nicht ist

Aushalten wird regelmässig mit zwei anderen Zuständen verwechselt. Irrtümer, die ganz schön Substanz kosten können.


Mit Resignation wird es verwechselt, weil beides von aussen ähnlich aussieht. Scheinbar handelt grade Niemand. Innen könnten sie jedoch verschiedener nicht sein. Resignation gibt auf, was man eigentlich gewollt hatte. Aushalten lässt das Gewollte stehen und gibt ihm Zeit, sich zunächst mal zu entwickeln. Der ungewünschte Zustand wird dabei akzeptiert als notwendigkeit und die temporäre Akzeptanz schafft Raum für neue Handlungsfähigkeit.


Mit Resilienz wird es seit ein paar Jahren verwechselt, weil Resilienz im Gegensatz zum Aushalten attraktiver klingt und salonfähiger wirkt: Atemtechnik hier, Eisbad um 05:30 da. Im Kern hat aber auch sie mit Aushalten nicht allzu viel zu tun. Sie optimiert die Reaktion auf Härte, statt den Zustand temporär einzubinden. Sie ist eine fashionable Selbstgeisselung mit Premium-Branding, die im Grunde zum Ziel hat das Aushalten überhaupt nicht zulassen zu müssen.


In den letzten Jahren habe ich mit Unternehmer:innen gearbeitet, die auf dem Papier hochresilient waren. Sport am Morgen. Journaling am Abend. Mindestens drei Coaches im Telefonbuch. Im Gespräch werden diese Routinen als eine Form der Verdrängung entlarvt, um schwierige Gefühle nicht aushalten zu müssen. Das ist nicht Resilienz, wie sie wertvoll ist, sondern Vermeidung mit Disziplin. Der Unterschied quasi zwischen der gelegentlichen Wellness-Badebombe und echter Veränderung.


Drei Arten an der Spitze

In der Praxis sehe ich drei Stellen, an denen das Aushalten mit Stillstand verwechselt wird und an denen die Verwechslung am teuersten kommt.

Konflikt aushalten. Eine Spannung im Team darf manchmal einige Wochen lang stehen, ohne dass Du sie sofort auflöst. Nicht aus Konfliktscheue. Aus dem Wissen, dass jede vorzeitige Auflösung einen Teil der Spannung in den Untergrund verlagert. Wer sofort glättet, hat Konsens hergestellt und dabei möglicherweise die Chance auf substanzielle Veränderung vertan.

Ungewissheit aushalten. Nicht jede offene Frage muss heute entschieden werden. Manche Fragen brauchen, bis Du selbst genug bei Dir bist, um eine Antwort zu erkennen, die Deine ist. Ein Framework spart Dir die Stille und liefert Klarheit innert Minuten. Selten ist sie jedoch Deine eigene.

Eigene Schwäche aushalten. Du bist in einem Bereich nicht gut. Die naheliegende Reaktion ist die möglichst schnelle Optimierung der Situation. Sei es eine Schulung, ein Buch oder ein Spitzentrainer. Das kann oft auch richtig sein. Manchmal aber auch nicht. Eine Schwäche, die Du eine Weile einfach kennst, ohne sie sofort zu beheben, lehrt Dich Dinge über Dich, die kein Programm Dir beibringt.

Drei Mal Aushalten. Drei Mal keine Resignation. Was sie alle teilen, ist jedoch das Verlangen, dass sich etwas entwickeln darf ohne dabei das Ergebnis sofort zu erzwingen.


Zwei Hälften, die getrennt nicht funktionieren

Sabrina und ich gehen mit dem Aushalten unterschiedlich um, und das ist ein Teil der Substanz, die wir miteinander tragen.

Wenn etwas ins Wanken gerät, bewegt sie sich entlang des Wackelns mit. Wie ein Blatt im Wind, das nicht abreisst, sondern den Strom sanft übersetzt. Ein wenig so wie Judo kanalisiert sie die Energie des Geschehnisses und lenkt diese geschickt um.

Ich gehe in eine andere Richtung und halte Linie. Stehe an der Front und will erst mal sehen, was ist. Und dann erst reagieren, wenn klar ist, was hier wirklich abgeht.

Das funktioniert Situationsbasiert beides ganz gut. Doch in Kombination kann Sabrina Gefahr laufen, ohne Linie  im Strom verschwinden. Während Ich ohne Bewegung gegen die Form ankämpfe, die sich eigentlich bilden will.

Daraus ist eine Beobachtung gewachsen, die ich gerne weitergebe: 

Aushalten ist nicht ein Modus, sondern zerfällt in zwei Hälften, die getrennt voneinander gefahr laufen, ihre Funktion einzubüssen: Es sind dies die gehaltene Form und die mitgehende Bewegung. Wer beides in einer Person sucht, verlangt zu viel. Wer beides in einer Beziehung findet — privat oder beruflich —, baut ein dauerhaft sinnvolles Fundament, das hält.


Was Aushalten heisst, sieht man erst rückblickend

Es gibt Wochen, in denen Du stolz bist auf das, was Du gemacht hast. Und es gibt Wochen, in denen Du stolz sein darfst auf das, was Du nicht gemacht hast.

Auf den Konflikt, den Du nicht sofort geglättet hast. Auf die Ungewissheit, die Du nicht durch eine vorschnelle Entscheidung verkürzt hast. Auf die Schwäche, die Du eine Weile bei Dir gelassen hast, ohne ein Programm dagegen zu starten.

Aushalten ist die einzige Tugend, deren Beweis sich erst rückblickend zeigt. Erst wenn die Zeit vorbei ist, in der Du sie getragen hast, siehst Du, dass sich etwas geformt hat, das Du sonst nicht hättest erzwingen können.

Es ist die ältere, etwas weniger fancy Disziplin. Die, die das Beste aus dem macht, was grade ist, ohne es sofort verbessern zu wollen und vielleicht aber eben deshalb hält, was Resilienz manchmal nur verspricht.


Welche Sache hast Du diese Woche stehen gelassen, von der Du heute, sagen kannst:  🤔gut, dass ich sie gar nicht erst angefasst habe?


Kommentare


bottom of page